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Die Befürworter
der Umbenennung wünschen ein Ende der Diskussion, die sie
als belastend empfinden. Für uns ist es genau das, was wir
brauchen. Wir brauchen diese schmerzhafte Erinnerung. Die
schmerzhafte Erinnerung, die kontroverse Diskussion über
das Unvorstellbare ist alleiniger Garant für die gelebte
Erinnerung. Nur wer sich erinnert, ist sich seiner täglichen
Verantwortung bewusst. Dies lässt uns hoffen, dass wir
verhindern, dass unsere Gesellschaft noch einmal einen Weg
geht wie in den 30er Jahren. Mit all der Kontroverse müssen
wir die Erinnerung wach halten!
Wir leben
in Lemgo eine Erinnerungskultur, die sicherlich bisher
vorbildlich ist. Gerade die Namensgebung unserer Schulen führt
in den Einrichtungen kontinuierlich zu einer
Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Das ist gut,
hilfreich und notwendig.
Ich selbst
habe zu meiner Zeit als Schüler dieser Schule die Wirkung
des Namens erfahren:
Wir Schüler mussten damals dem Festakt zur
Schul-Namensgebung beiwohnen und hatten hierzu wenig Lust,
es war die Zeit der Studentenunruhen und als Fünfzehnjährige
hatten wir andere Dinge im Kopf. Doch dann hörte ich die
Rede eines älteren Mannes, die mich zutiefst berührt hat.
Es war die Rede des damaligen Stadtdirektors Möller. Seit
dieser Rede habe ich mich für Geschichte und insbesondere für
die des 20. Jahrhunderts interessiert. Es wurde Fragen
aufgeworfen, auf die ich in den folgenden Jahrzehnten auch
in meinem Geschichtsstudium Antworten suchte.
Über
historische Fragen kann man nur entscheiden, wenn man die
Fakten kennt, da dies nicht bei allen hier der Fall ist,
gestatten Sie dass ich einige Passagen dieser Rede
wiedergebe.
„Wilhelm
Gräfer wurde auf Grund eines einstimmigen Ratsbeschlusses
1924 zum Bürgermeister gewählt. Dieses Amt hatte er bis
zum 5. April 1945, seinem Todestag, inne.
Sie
umfasste die Spanne des kurzen wirtschaftlichen Aufblühens,
vor allem die Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs, schließlich
die Periode des Dritten Reiches. Er hat seiner Stadt in
guten und in schlechten Tagen treu gedient.
Der 3., 4. und 5. April 1945 waren für Lemgo die letzten
Kriegstage. Das bedeutete (...) die Auflösung aller Ordnung
und aller Werte. Jeder versuchte irgendwie diese Katastrophe
zu überstehen. (...) Nur ganz wenige Menschen haben in
dieser völligen Auflösung an ihre Pflicht und nicht an
sich selbst gedacht. Zu diesen wenigen gehört Bürgermeister
Gräfer. Wegen dieser Haltung sollte er uns ein Vorbild
sein.
Die Lage am
3. und 4. April war hoffnungslos. Der Amerikaner stand in Hörstmar
mit einer Übermacht, die jeden Widerstand der geringen
vorhandenen Kräfte auf deutscher Seite völlig sinnlos
machte. Nachdem rundherum die Städte zerstört waren, die
auch nur den geringsten Widerstand erkennen ließen, z.B.
Paderborn, dessen Vernichtung ich selbst miterlebt habe, und
deshalb beurteilen kann, welches Schicksal der Stadt Lemgo
erspart geblieben ist, machte sich Bürgermeister Gräfer
zusammen mit (...) Herbert Lübke auf, um von den
Amerikanern eine halbstündige Frist zu erwirken, damit
entweder das deutsche Militär die Stadt kampflos übergeben
könne oder aber wenigstens Frauen und Kinder sich in
Sicherheit bringen könnten. Angesichts der Tatsache, dass
die Stadt Lemgo zudem mit Lazaretten dicht belegt war, wurde
diese Frist den Unterhändlern eingeräumt."
Soweit das
Zitat aus der Rede. Zurück in Lemgo wurden die beiden
verhaftet und zu einer Gerichtsverhandlung nach Lügde
transportiert. Auf der Fahrt gelang Lübke die Flucht. Gräfer
wurde durch ein Standgericht zum Tode verurteilt. Es wurde
verfügt, dass das Todesurteil am darauffolgenden Morgen auf
dem Kirchplatz von Bodenwerder zu vollstrecken sei. Soldaten
haben dort Gräfer mit Gewehrkolbenschlägen den Schädel
eingeschlagen und den Leichnam auf der Linde vor der Kirche
aufgehängt. „Zur Abschreckung" blieb er dort zwei
Tage hängen.
Als die
Lemgoer Bevölkerung von der Verurteilung erfuhr, war ihr
Zorn so groß, dass sich der Stadtkommandant nur durch
Flucht aus Lemgo in Sicherheit bringen konnte.
Lesenswert
ist übrigens auch der Brief des amerikanischen Kommandanten
an den Sohn Gräfers. Der US-Soldat hat einige Jahre später
geschildert, wie sehr sich Gräfer in den Verhandlungen mit
ihm für seine Stadt eingesetzt habe.
Wie also
kann man jemanden, der sein Leben für andere geopfert hat,
posthum verurteilen, indem man Schulnamen und Straßennamen
wegradiert?
Dies ist
allerdings nur eine von zwei zu beantwortenden Fragen.
Gräfer war
Mitglied der NSDAP, erst später, aber während seiner
Amtszeit, aber er war ganz zweifellos ein Repräsentant
dieses Regimes.
Auf Fotos
sehen wir ihn in den zwanziger Jahren auf
Festveranstaltungen in fröhlicher Runde mit verdienten jüdischen
Lemgoern. Und wenige Jahre danach unterschreibt er die
Dekrete für deren Deportation nach Buchenwald oder
Theresienstadt. Hier aus dem Rathaus, aus seinem Bürofenster,
beobachtete er die erschütternden Szenen, als Familien mit
kleinen Kindern zusammengetrieben und abtransportiert
wurden. Wie kann man so jemanden ehren?
Auf diesem,
unseren Marktplatz hielt Bürgermeister Gräfer die Rede zur
Verleihung der Ehrenbürgerurkunde an den anwesenden Adolf
Hitler. Wie können wir das Andenken an so jemanden pflegen?
Aber auch:
Als einer von wenigen überlebte der Lemgoer
Synagogenvorsteher Adolf Sternheim den Holocaust. Nach
seiner Rückkehr besuchte er die Witwe von Wilhelm Gräfer.
Er schreibt, dass „der Stadtverwaltung alle Maßnahmen von
der NSDAP mehr oder weniger aufgezwungen wurden. Gräfers
Verhalten in schrecklicher Zeit sei mitfühlend
gewesen."
Gestatten
Sie mir, dass ich zwei Zitate, die aus der Diskussion Mitte
der achtziger Jahre stammen, aber heute uneingeschränkte Gültigkeit
haben, hier verlese:
Zunächst
eine Wertung der FDP:
„Die
Erinnerung an das Dritte Reich wird in Lemgo immer wieder
wachgehalten durch den Namen Wilhelm Gräfer, der in seiner
Zeit als guter Bürgermeister galt, dem 1945 von seinen
Mitstreitern das Leben genommen wurde, weil er weiterhin
glaubte, als guter Bürgermeister die Stadt vor der Zerstörung
bewahren zu müssen, dem 1967 die Ehre zuteilwurde,
Namenspatron der neu erbauten Realschule zu werden und
dessen Person 1986 unter der Maxime ... der politischen
moralischen Wertung seines Handelns aus heutiger Sicht...
nicht mehr geeignet scheint, Namensgeber einer Schule zu
sein, in der junge Demokraten erzogen werden sollen. Wer bis
1945 unbehelligt Bürgermeister in einer deutschen Stadt
sein konnte, musste sich aktiv an der Politik des
Nazi-Regimes beteiligen und deren Gesetze mit verantworten
und vertreten."
Soweit eine
Stellungnahme der FDP.
Die SPD sah
dies ähnlich:
„Es muss
berücksichtigt werden, dass es nicht um die Benennung,
sondern um die mögliche Um-Benennung der Schule gehen würde.
Diese Umbenennung
würde bedeuten, dass das Verhalten Gräfers im April 1945
keine besondere Anerkennung verdient.
Die 1967
erfolgte Namensgebung ist ein geschichtlicher Tatbestand,
der als solcher nicht rückgängig gemacht werden kann.
Der
damalige Ratsbeschluss wurde von Ratsmitgliedern gefasst,
von denen viele die Zeit des Nationalsozialismus in Lemgo
erlebt und von denen einige unter diesem Regime gelitten
hatten. Ein Widerruf kommt nur in Betracht, wenn die
Arbeiten über den Nationalsozialismus in Lemgo ein
Verhalten Gräfers aufdecken würde, neben dem sein späteres
mutiges Eintreten für unsere Stadt und sein Tod
verblassen."
Verfasser
dieses Textes ist Helmut Holländer.
Tatsächlich
gibt es neues Archivmaterial: die Familie Gräfers hat vor
einigen Monaten einen umfangreichen Nachlass dem Stadtarchiv
übergeben. Frau Dr. Sabo hat die Brisanz sofort erkannt und
eine Hilfskraft mit der Erstellung dieses Findbuches
beauftragt. Mit großer Sorgfalt hat Stephani Kortyla dies
getan. Ihr gebührt Dank für diese umfangreiche Arbeit.
Ausgewertet hat diesen Bestand mit Originaldokumenten und
den Akten des Wiederaufnahmeprozesses noch niemand.
Herr Bürgermeister,
meine Damen und Herren, es lohnt die Aufarbeitung der
Geschichte. Aber auch neue Erkenntnisse werden keine
absoluten Wahrheiten und Wertungen hervorbringen. Es bleibt
das Widersprüchliche in der Person, der schreckliche,
verachtungswürdige Mittäter und die heroische
Selbstopferung.
Lassen Sie
uns dafür Sorge tragen, dass diese einmalige Geschichte
Lemgos nicht in Vergessenheit gerät. Sie muss in den
nachfolgenden Generationen weiterleben, damit so etwas nicht
noch einmal geschieht.
Ich
appelliere an Sie, mit einer Umbenennung von Straße und
Schule das Buch der Geschichte nicht zuzuklappen. Stellen
wir uns der Verantwortung und führen wir diese Diskussion
weiter.
Ich schließe
mit einem Zitat aus einer Stellungnahme der FDP aus dem
Jahre 1986:
„Wir
sollten uns dieser Erinnerung stellen: Nicht, indem wie sie
löschen, nicht indem wir Gräfer zu einem Widerstandskämpfer
machen, der er nicht sein konnte, nicht indem wir weitere
wissenschaftliche Untersuchungen anstellen, die uns keine
Entscheidung abnehmen, sondern indem wir uns dieser Zeit
stellen und sie für unsere Kinder in aller Unmenschlichkeit
nacherlebbar machen.
Wenn wir dieses Kapitel der Lemgoer Geschichte so
aufarbeiten, dass es in unseren Schulen zum obligatorischen
Bestandteil des Geschichtsunterrichts werden kann, haben wir
ein Stück Erinnerung umgesetzt in der Verantwortung vor der
Geschichte und vor uns selbst."
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