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Hierzu
gibt es in Lemgo keinen Anlass und
ganz im Gegenteil, es wäre für das
Klima im Rat auch nicht förderlich.
Wir werden den Bürgern noch einiges
abverlangen müssen, und das sollten
wir dann auch möglichst gerecht und
nach wie vor ohne parteipolitischen
Streit tun.
Jeder
weiß es, die Haushaltslage der
Kommunen in NRW ist hoffnungslos
schlecht. Manch ein Rat hat
resigniert, und die Stadt ist in den
Nothaushalt gegangen. Damit gibt es
für die Kommunalpolitik keinen
Handlungsspielraum. Die Bürger spüren
dies an einer gesunkenen
Lebensqualität.
Wir
in Lemgo sind einen ganz anderen Weg
gegangen, und dieser ist ziemlich
einmalig. Trotz gegensätzlicher
politischer Zielsetzung waren sich
alle Fraktionen einig: wir wollten
die Zwänge eines Nothaushalt auf
jeden Fall vermeiden. In einem
monatelangen Diskussionsprozess
haben wir uns auf zweiundvierzig
Sparpunkte mit einem jährlichen
Einspareffekt von mehr als vier
Millionen Euro geeinigt. Einstimmig
ist dies im Rat so gebilligt worden.
Am
Rande sei bemerkt: die von der
Landesregierung beschlossene
Umverteilung der Mittel von uns,
also den vermeintlich reichen
Kommunen im ländlichen Raum zu den
Großstädten vor allem im
Ruhrgebiet ist ärgerlich und
ungerecht. Sie macht unsere Sparbemühungen
zunichte. Ich fordere die die
Regierung tragenden
Landtagsabgeordneten unsere Region
auf, sich hiergegen zur Wehr zu
setzen! Öffentlich! Schade, dass
Herr Berghahn meiner Einladung an
dieser Ratssitzung teilzunehmen
nicht folgen konnte.
Ich
danke, den anderen Ratsfraktionen für
die vertrauensvollen Beratungen und
hoffe, dass dies – jetzt, wo es um
die konkrete Umsetzung geht –
nicht so schnell vergessen wird!
Ich
danke auch der Verwaltung für die
intensive Vorbereitung und für die
fast immer hilfreichen Sparvorschläge.
Wie
war nun die Reaktion der Bürger?
Bemerkenswert: es gab keine,
zumindest keine der Bedeutung dieser
Sparvorschläge angemessene.
Nun
werden wir mit den politischen
Beschlüssen in den Ausschüssen und
im Rat konkret. Es trifft einzelne
vor ihrer Haustüre und ein erboster
Protest formiert sich.
Wenn ich das Gespräch mit Einzelnen
suche, werde ich beschimpft. Selbst
sonst wohlbesonnene Bankangestellte
verlieren die Fassung.
Eltern
sorgen sich in fast allen Bereichen
sehr verantwortungsvoll um die
Zukunft Ihrer Kinder. Die soziale
und finanzielle Zukunft spielt
hierbei allerdings keine Rolle. So
wird in absehbarer Zeit eine der
Lemgoer Grundschulen wegen sinkender
Schülerzahlen zu schließen sein.
Wieder einmal wird das „Kurze-Beine-kurze-Wege“-Argument
strapaziert. Da es so typisch für
die Kultur der Spardiskussion in
unserem Land ist, möchte ich
hierauf ausführlicher eingehen:
Man
sagt Politkern häufig nach nichts
von dem Problem zu verstehen oder
nicht zu wissen, was man anderen
zumutet. Daher meine Geschichte:
Wir sind in den neunziger Jahren in
das Blumenviertel gezogen, obwohl
wir gerade Nachwuchs bekommen
hatten, hatte ich mir über die
Frage, welche Grundschule von den
Kindern später einmal zu besuchen
sein würde, zunächst noch keine
Gedanken gemacht. Ich bin davon
ausgegangen, die nahegelegene
Kampschule sei die zuständige.
Weit gefehlt. Meine Frau hat mir die
Nachricht überbracht. Später
einmal müssten unser inzwischen
zwei Jungs mit dem Bus nach Hörstmar
fahren. Kopfschütteln beim Vater.
Dann schlug meine Frau vor: bevor
wir uns aufregen, lass uns doch erst
mal die Schule ansehen. Gesagt
getan, die Grundschule Hörstmar
hatte ein hervorragendes Angebot,
und so sind unsere Kinder jahrelang
fröhlich morgens zur Bushaltestelle
gegangen und ein paar Kilometer mit
dem Bus gefahren. War das ein
Problem? Nein! Unsere Kinder haben
von der guten Schule profitiert und
die Busfahrt nie als störend
empfunden.
Meine Damen und Herren, es wichtiger
als der Standort einer Schule ist
deren Qualität. Im Interesse der
Kinder ist viel bedeutender, dass es
auch und gerade in einer Grundschule
eine gewisse Vielfalt gibt, und die
kann in einer früher so genannten
„Zwergschule“ nicht gegeben
sein.
Ich appelliere an die Eltern, lassen
Sie uns nicht oberflächlich über
die Länge des Schulweges
diskutieren, sondern darüber wie
wir Niveau, Vielfalt an unseren
Schulen sicherstellen!
Verfolgt
man die Gespräche hier in Lemgo
oder die öffentlichen
Berichterstattung, aber auch die
Talkshows im Fernsehen, immer hat
man den Eindruck, hier äußern sich
nur Männer und Frauen, die keine
Kinder haben. Denn die Schulden und
unsere nicht gesicherte
Altersversorgung, dies spielt
offensichtlich keine Rolle. Wo ist
unser schlechtes Gewissen angesichts
der Wohltaten, die wir uns auf
Kosten unserer Kinder leisten?
Meine
Damen und Herren, es lohnt sich
also, sich mit der Protestkultur und
der Mentalität in unserem Landes zu
beschäftigen:
Zwei
Megakrisen haben wir gleichzeitig in
diesem Jahr weltweit erleben müssen,
die Reaktion der Deutschen hierauf
war ganz anders als die im Ausland.
Erstens:
da war Fukushima, und als drohe
kurzfristig ein Tsunami die
deutschen Atomkraftwerke zu überschwemmen,
wurden sechs Anlagen abgeschaltet.
Wir sind über Nacht vom
Stromexporteur zum Stromimporteur
geworden. Es gab in Deutschland eine
sonst nicht zu beobachtende breite,
sehr emotionale Protestwelle,
Mahnwachen usw. Und jetzt? Heute
gibt es Proteste von Bürgern und
Energieversorgern, gegen die von der
„Energiewende“ verursachten
Strompreiserhöhungen. Spreche ich
mit meinen Freunden aus Frankreich
oder Spanien zeigen diese sich sehr
verwundert über den deutschen
Sonderweg der Hysterie. Allerdings
sind viele auch beeindruckt von dem
in unserem Land aufgebauten Know-how
in der Nutzung erneuerbarer
Energien.
Zweitens:
die Schuldenkrise. Jahrzehntelang
leben wir über unsere Verhältnisse.
Die Politik hat nie den Mut gehabt,
sich gegen die Wünsche der Bürger,
der Wähler hinwegzusetzen und zu
sagen, „das können wir uns nicht
leisten!“.
Die
Folge ist, dass Europa zu zerfallen
droht. Europa, dass uns über
Jahrzehnte hinweg Frieden und
Wohlstand gebracht hat, es drohen
Geldentwertung und Einschnitte bei
staatlichen Leistungen, in einem
Umfang, den wir uns noch gar nicht
vorstellen mögen. Anders als im
Ausland wird diese Krise hier bei
uns weitgehend emotionslos
beobachtet.
So
wenig wie ich den Griechen die
Rhetorik über das Sparen glaube, so
sehr bin ich bei uns skeptisch.
Die
Politik redet in Bund und Land nur
vom Sparen. Die Schulden, die wir
unseren Kindern vererben werden,
steigen auch heute noch und werden
weiter steigen. Es gibt hier eine
Kultur des Schweigens über das
Sparen im Konkreten. Es ist ein
Tabu. Ich gebe Ihnen einmal ein paar
Beispiele für Tabuthemen, die
niemand anspricht - zumindest nicht
öffentlich.
Tabuthema
Kultur, dem vermeintlich
unverzichtbaren Standort- und
Bildungsfaktor: hier sehen die in
Paderborn in den Theaterneubau
investierten mehr als zwanzig
Millionen Euro bescheiden aus gegenüber
den 350 Millionen für die Hamburger
Elbphilharmonie.
Tabuthema:
Sozialkosten. Sie sind für Bund, Länder
und Kommunen die größte
Kostenposition. Ich habe mich mal
bei uns im Sozialamt, bei Herrn
Laukamp erkundigt:
werde ich arbeitslos, bekomme
ich – verheiratet zwei Kinder –
monatlich, was schätzen Sie? Es
sind immerhin 1.820 € vom Staat,
das ist dann sozusagen mein
Nettoeinkommen. Viele
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
bekommen keinen Bruttolohn, der
ihnen solches Nettoeinkommen
verschafft.
Tabuthema:
Öffentliche Dienst: Privileg Unkündbarkeit,
Gehaltsniveau in einigen Bereichen
weit über der Privatwirtschaft,
Standards von Personal- und
Sachausstattung,
Gleichstellungsbeauftragte selbst in
kleineren Städten und Kreisen.
Wir sind in Lemgo verpflichtet, für
die Interessenvertretung der
Arbeitnehmer zwei Mitarbeiter von
der Arbeit freizustellen und vieles
Mehr
Tabuthema
Hochschule: Wenn meine Kinder in den
USA studieren wollten, dann zahlen
sie oder ich einige zehntausend
Dollar Studiengebühren pro Jahr.
Wir in Deutschland leisten uns
Hochschulen, in denen die Ausländer
zwischenzeitlich die Mehrheit
darstellen. Wir bieten dem Ausland
diese Bildungsleistung kostenlos,
nicht einmal mehr Studiengebühren müssen
in NRW gezahlt werden.
Und da sind da noch so Dinge wie „Lipper
Tage“, „NRW-Fest“ und demnächst
wohl auch bei uns ein
„Nationalpark“, der wieder Jahr
für Jahr Millionen kostet. Fast
eine Million sollen schon jetzt
Planung, Gutachten und Öffentlichkeitsarbeit
gekostet haben. Auch hieran ist
Lemgo mit hundert Tausend Euro
beteiligt. Alles Geld, welches wir
nicht haben und uns deshalb leihen müssen.
Soweit
zu den Tabuthemen.
Ich
persönlich bin fest überzeugt, so
wie bisher die Staatsschuldenkrise
gemanagt worden ist, führt uns dies
in eine Katastrophe, die jeder von
uns – aber besonders unsere Kinder
spüren werden.
Wir
Deutschen retten mit unseren
Milliarden die von Pleite bedrohten
südlichen EU-Staaten.
Wir
in NRW retten über den Länderfinanzausgleich
die von Pleite bedrohten anderen
Bundesländer.
Wir
in Lemgo retten mit dem sogenannten
„Stärkungspakt“ die von Pleite
bedrohten Großstädte in NRW.
Nur:
wenn dies alles schief geht: wer
rettet die Retter?
Wir
in Lemgo haben mit den
Rahmenbedingungen, die uns der
Gesetzgeber aufgibt zu leben. Im
Lastschriftverfahren wird die
Kreisumlage noch einmal erhöht,
weil der Landschaftverband Westfalen
auf einmal 160 Millionen zusätzlich
benötigt. Keine Bürgerproteste
gibt es, ja in den Zeitungen steht
kaum etwas. Schließen wir einen
Kinderspielplatz in einer
Wohnsiedlung ist das wieder ganz
anders.
Wenn
wir uns um die Finanzen einer Stadt
oder eines Landes Gedanken machen,
dann müssen wir nicht nur die
Ausgabenseite, sondern auch die
Einnahmeseite sehen – und hier ist
Lemgo absolut erfolgreich! Gewerbe,
Industrie investieren in Lemgo, der
Handel und die Gastronomie
entwickeln sich besser als anderswo.
Noch
nie habe ich so viele Touristen in
unserer Stadt gesehen und das in
diesem verregneten Sommer. Das kommt
nicht von ungefähr. Es gibt einen
Konsens, getragen von den meisten
hier im Rat, Investoren einzuladen,
ihnen den Weg zu ebenen. Beim Bürgermeister
findet jeder noch so kleiner
Gewerbetreibende immer ein offenes
Ohr, bekommt ganz schnell einen
Termin. Ich weiß aus eigener
Erfahrung, dass dies in anderen Städten
nicht so geht. Die Verwaltung sucht
hier in Lemgo nach Wegen, ein
Vorhaben zu genehmigen und nicht es
zu verhindern. Dies hat sich bei
Investoren herumgesprochen, die schönen
Folgen sehen wir, wenn wir mit
offenen Augen durch unsere Stadt
gehen.
Daher
können wir, Rat und Verwaltung, mit
einigem Stolz auf das Erreichte zurückblicken
und uns an der guten Entwicklung
unserer Stadt erfreuen. Alles andere
liegt nicht in unserer Macht.
Vielen
Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Dr.
Harald Pohlmann Narzissenweg 25
32657 Lemgo Tel.: 01715881238
Vorsitzender
CDU Ratsfraktion Lemgo
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